Weinen und Erleichterung
Habe gestern wieder Post von Günther bekommen, so genial, so wahr, so tröstlich, so ermutigend. Langsam, ganz langsam sehe ich die ersten Steinchen auf meinem Weg. Heißt jetzt noch nicht, dass ich den ersten Schritt gesetzt habe, aber ganz zögerlich taste ich mich voran und erstmals ist nicht mehr pechschwarze Nacht. Ich hab’s sogar geschafft, gestern abend mit dem effektiven Bewußtsein und dem Anerkennen meines Schmerzes zu Bett zu gehen und hab mich trotz aller Pein erstmals ein bissl freier gefühlt. Bin Heute abend nach dem Büro wohl wieder zu Haus ins tiefe Loch gefallen und hab geweint, aber dann hab ich zum Telefon gegriffen und Günther angerufen. Hab erstmals seine Stimme gehört, total lieb, total sanft, total beruhigend, in keiner Form aufdringlich - wie angenehm. Wir haben uns lange über meine Misere unterhalten und obwohl Günther Roland überhaupt nicht kennt, sondern die Geschichte nur nach meinen Erzählungen werten kann, konnte er in Windeseile ein Bild von Roland zeichnen, dass dem meines Unterbewußtseins fast hundertprozentig gleicht. Das des Spielers nämlich, das eines schwachen Menschen, das eines von Minderwertigkeitskomplexen gesteuerten und möglicherweise auch gequälten Mannes, der sich nur über seine Position definiert. Nun - nicht unbedingt ein positives Ergebnis, aber eben doch eines, das ich allmählich beginne zu akzeptieren. Auch Günther ist der Meinung, dass die augenblickliche Situation zum “Zuckerbrot und Peitsche”-Spiel gehört, dass viele Männer (unbewußt?????)spielen. Was der Hintergrund dafür ist, werde ich wohl nie ergründen, aber so wirklich interessierts mich eh nicht. Wichtig ist mir nur, zu erkennen, dass es so ist. Das bestärkt mich in meiner Entscheidung, die Dinge so stehen zu lassen wie sie sind. Jetzt in der Sekunde ist es sogar so, dass ich nicht einmal mehr auf die so lang ersehnte Aussprache hoffe. Dank Günthers Denkanstöße sehe ich es schon so, daß mein Leid erst dann zu Ende ist, wenn ich aus dem Spiel aussteige. Aussteigen heißt, auf nichts mehr zu reagieren, sich nicht mehr herausfordern lassen, sich nicht mehr auf sein “Terrain” zu begeben. Denn dort kann ich nur verlieren, ich kenne das “Gelände” ja nicht. “Gewinnen” - wobei um dieses geht’s ja nicht, es geht einfach nur darum, sich Kummer und Leid, Demütigung und Nichtachtung zu ersparen - kann ich nur, wenn ich “mein” sicheres Terrain nicht verlasse. Und genau das werde ich versuchen durchzuziehen. Einfach in meiner “Welt” bleiben, ihm fernbleiben, nicht mehr die Nase in sein Leben stecken - ich bewirke ja damit sowieso nichts, ändern kann ich ihn nicht, seine Probleme will ich mir sowieso nicht umhängen und das Schöne teilen würde voraussetzen, dass wir beide die gleiche Definition von schön haben, was ja ganz offensichtlich nicht der Fall ist.
Conclusio: wieder einmal der falsche Mann - und dafür brauch ich mich weder quälen noch mich soweit bringen lassen, dass ich mir selbst weh tu.
Das Einzige, woran ich noch arbeiten muss, ist, die Dinge auch im Büro so zu sehen. Ihn einfach nur als Vorstandsmitglied zu sehen, so wie die anderen auch. Momentan ist schon noch der Mann im Vordergrund und momentan starre ich auch noch wie das hypnotisierte Karnickel die “Schlange” an. Fassungslos, unfähig etwas zu tun obwohl die drohende Gefahr durchaus erkennend. Aber ganz langsam beginnt mein Hirn zu arbeiten, ganz langsam filtert der Denkapparat, welche Muskel im Notfall reflexartig zu bewegen sind, damit der lebensrettende Sprung in der entscheidenden Sekunde getan werden kann. Ganz leicht spannen sich diese Muskel auch schon unter der Haut, nur um “aufgewärmt” zu sein und um beim Vorschnellen der Schlange zu funktionieren. Und die Schlange merkts nicht einmal, weil sie vom Spiel und vom Anblick des gelähmten Karnickels fasziniert und in ihrer Selbstgefälligkeit bestätigt ist.
Diese Erkenntnis beruhigt mich ein bissl. Stärkt mir ein bissl den Rücken, wenngleich mir die Nichtachtung meiner Person (dem Nichtmelden, der Kaltschnäuzigkeit am Telefon, die Telefonate mit KKO) schwer zu schaffen macht. In meinen Augen sind das ganz eindeutige Signale, die er setzt um mir zu zeigen, daß er mich nicht braucht. Wie ich gestern abend den Schmerz erstmals akzeptiert habe, so werde ich lernen müssen, auch diese Zeichen zu akzeptieren. Damit disqualifiziert er sich sowieso selbst. Auch ich habe ihn 42 Jahre lang nicht gebraucht, ich werde also auch die nächsten Jahre ohne ihn auskommen können……
Denkt sich alles ganz einfach, schreibt sich auch leicht, mal sehen, ob es sich auch leben lässt.