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Herzenskälte und Herzensschmerzen

Das heutige Zusammentreffen in der Firma kann kurz und bündig unter dem Titel “katastrophal” abgehandelt werden. Grad noch ein Handschlag zur Begrüßung, grad noch ein Kaffee, grad noch ein knappes Danke für die Fendrich-Karten, grad noch ein Anflug von einem Lächeln beim Zusammentreffen am Gang, grad noch ein Augenzwinkern beim Abschied. Sonst nix, nicht ein Wort, geschweige denn irgendetwas Privates. Ich war vor den Kopf gestoßen, hab’s überhaupt nicht gepackt, zumal ich ihm gestern noch gemailt habe, dass ich mich sehr auf sein Kommen freue. Bin aufgrund der Situation unmittelbar nach dem Meeting vom Büro abgedampft, hätte es dort nicht länger ausgehalten. Hab den ganzen Nachhauseweg gegrübelt, mich gekränkt und war knapp davor, plärrend durch Wien zu kutschieren, weil alles noch viel Unklarer als bisher. Hab aber zu Hause all meinen Mut zusammengefasst und hab ihn angerufen um die Dinge einfach auszusprechen.

Er wisse schon, daß er sich total seltsam verhält. Es hat nichts mit mir zu tun. Er habe lediglich Riesenprobleme. Probleme in der Firma und auch Privat. Er sei komplett überfordert und kann aber nichts tun, sei einfach nur zum abwarten verdammt. Für jemanden wie ihn, erfolgsgewöhnt, ja fast -verwöhnt, eine komplett neue Situation, mit der er nicht klarkommt. Erstmals eine Niederlage einstecken zu müssen. Komplett traurig und ratlos zu sein, sich elendig zu fühlen, und als starker Mann nicht weinen zu können.

Mein Gott - was für eine verkorkste Philosophie! Ich habe ihm erklärt, daß Tränen keine Schande sind, daß auch Männer das Recht haben zu weinen, weil sie genau so wie Frauen Schmerz und Leid fühlen. Kummer zu haben und darüber zu weinen ist doch nicht geschlechtsspezifisch verboten! Ich hab ihm gesagt, daß Tränen kurzfristig einmal die Seele reinigen, daß man nach dem großen Heulen vielleicht wieder ein wenig klarer sieht. Hab ihm gesagt, dass es manchmal notwendig ist, sich den Frust und das Leid von der Seele zu reden und ihm gefragt, warum er in einem solchen Fall nicht anruft. Hab ihm erklärt, daß er deswegen nicht als Schwächling dasteht sondern für mich noch immer der Mensch ist, der er eben ist. Mutig ist der, der die Herausforderung - den Umgang mt dem Neuen, dem gänzlich Unbekannten - annimmt. Möglicherweise muß man dabei einige Tiefschläge einstecken, aber letztendlich bringt einem das weiter. Ein professioneller Spieler kalkuliert den Verlust bereits im Vorfeld ein, sprich er rechnet damit, daß er einige Feldzüge verlieren muß um die ganze Schlacht gewinnen zu können. Dies scheint seine Sprache zu sein, zumindest hat er so getan, als hätte er das Gesagte verstanden.

Ich habe ihm gesagt, daß ich ihn öfters anrufen werde um nach seinem Befinden zu fragen und daß ich voraussetzte, daß er es kommuniziert, wenn es ihm unangenehm ist. Wenn ich mich nicht melde, so werde er sich bei mir rühren war seine Aussage dazu……

Ich kann es nicht fassen, unter welch inneren Zwängen und falschem Erwartungsdruck er steht. Wenn er doch bloß die Augen aufmachen würde. Es scheint mir noch ein verdammt langer Weg zu sein, ihm zu zeigen, daß er als Mensch mit all seinen oder gerade WEGEN dieser Unzulänglichkeiten liebenswert ist….

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